RD a.D. Hugo Gebhard


Alpiner Bergunfall, Urteil des OLG Stuttgart
vom 22.06.1994, Az. 9 U 104/92
Veröffentlicht in NJW 1996, 1352


Sachverhalt: Bei einer geführten Bergtour auf das Rheinwaldhorn in Graubünden / Schweiz hatte der seit zwei Jahren für den A-Verein ehrenamtlich als Ski- und Hochtourenführer tätige Tourenführer auf dem Läntagletscher beim Überqueren einer Eisflanke vermutlich eine falsche Absicherung vorgenommen. Als ein Tourenmitglied ausglitt, stürzte die ganze Seilschaft ca. 200 m tief ab. Der Tourenführer starb noch an der Unfallstelle, die übrigen Tourenteilnehmer wurden schwer verletzt. Die Schadensersatzklage gegen den das Programmangebot erstellenden Verein wurde abgewiesen.

 
- Die Schutz- und Obhutspflichten seien gegenüber der Klägerin als Vereinsmitglied nicht verletzt worden, da der verstorbene Tourenführer ausreichend Erfahrung gehabt habe und deshalb kein Auswahlverschulden vorliege.  
- Der Verein hafte auch nicht wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht (VSP), denn eine Haftung hieraus setze voraus, dass eine Verantwortlichkeit für atypische Gefahren bestehe, welche über die üblichen Gefahren des Bergsteigens hinaus zu einer besonderen Gefährdung führe und nicht ohne weiteres erkennbar sei.
- Jeder Bergsteiger nehme grundsätzlich in Eigenverantwortung ein gewisses Risiko in Kauf. Dass bei einer Seilschaft einer der Teilnehmer ausrutsche und die gesamte Seilschaft mit sich ziehe, gehöre nicht zu den atypischen Gefahren des Bergsteigens.
- Da hier eine Haftung aus Verletzung der VSP schon vom Ansatz her ausscheide, könne die Berücksichtigung einer Mitverantwortung im Rahmen des § 254 BGB offen bleiben.
 
M. E. lässt sich hieraus ableiten, dass das Gericht auch bei einer Waldführung durch ehrenamtliche Mitglieder eines Naturschutz- oder Wandervereins bei einem Schadenseintritt durch typische Waldgefahren eine Schadensersatzklage abweisen würde, weil die typischen Waldgefahren für jeden sichtbar sind und das Betreten des Waldes auf eigene Gefahr erfolgt.