RD a.D. Hugo Gebhard


Wanderer-Steinschlag-Fall, Urteil des OLG Nürnberg
vom 30. 07. 1975, Az. 4 U 2/75
Veröffentlicht in VersR 1976, 222
 
Vorbemerkung: Der Fall hat sich noch vor Inkrafttreten des BWaldG und des BNatSchG ereignet, in denen geregelt ist, dass die Erholungsnutzung in Wald und Flur „auf eigene Gefahr“ erfolgt.
 
Sachverhalt: Wanderer wurde im Bayerischen Jura durch einen hangabwärts rollenden Stein schwer verletzt. Ob sich der Stein durch physikalische Naturkräfte oder durch Menschen oder Tiere gelöst hat, war nicht aufklärbar. Klageabweisung.
 
  1. Die Forderung nach völlig gefahrlosen Wanderwegen würde zum Verzicht auf reizvolle Routen im Bergland ebenso wie auf einsamen Waldpfaden im Flachland führen.
  2. Erforderliche Gefahrenvorkehrungen richteten sich nach der Gefahrensituation unter Berücksichtigung des normalen Benutzerkreises.
  3. Die Gefahren durch herabrollende Steine seien zwar für den VSP-Pflichtigen erkennbar, jedoch könne ein regelmäßiges Abklopfen und eine Untersuchung auf Korrisionsgefahren der beklagten Stadt nicht zugemutet werden. Eine Bejahung einer solchen Verpflichtung sei nicht nur eine Überbewertung der objektiven Gefahrenlage, sondern überschreite auch die tatsächliche und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der beklagten Stadt.
  4. Da die Gefahren auch für Wanderer erkennbar seien, habe auch kein Warnschild aufgestellt werden müssen. Wo die konkrete Gefahr gering sei und zusätzlich vom Gefährdeten erkannt werden könne, seien Warnschilder überflüssig, denn Warnschilder hätten den Zweck, Wanderer zur besonderen Vorsicht zu mahnen.
  5. Grundsätzlich müsse sich derjenige, der sich in die Natur begebe, mit allen ihren Unwägbarkeiten und Gefahren rechnen. Die erforderliche Erkenntnisfähigkeit in Bezug auf die Gefahren im Bayerischen Jura müsse auch beim verletzten Kläger, der in der norddeutschen Tiefebene beheimatet sei, vorausgesetzt werden.