RD a.D. Hugo Gebhard


Brandkrustenpilzfall, Urteil des OLG Düsseldorf vom 21. 5. 2008,

Az. I – 15 U 124/05

Veröffentlicht in juris

Sachverhalt: Ein Stämmling einer Buche stand am Waldrand einer Anliegerstraße und beschädigte beim Sturz über die Straße einen auf der anderen Straßenseite parkenden Pkw. Der Stämmling war ein sog. Zwiesel, weil sich der Buchenstamm unmittelbar über dem Erdboden in zwei Stämme gabelte. Während das erstinstanzliche Gericht die Klage abgewiesen hat, wurde der Klage im Berufungsverfahren stattgegeben.

 

Die Urteilsgründe des OLG Düsseldorf lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Der Waldbesitzer habe die Verkehrssicherungspflicht verletzt, weil er die vorhandenen Anzeichen für eine möglicherweise von dem Baum ausgehenden Gefahr nicht zum Anlass genommen habe, den Baum durch einen Sachverständigen begutachten zu lassen.

Wegen der Besonderheit des Baumes (Zwieselstämmling, Brandkrustenpilz, Splitterschäden in 50 bis 60 % der Bäume des Waldbestandes) habe der Waldbesitzer einen Sachverständigen hinzuziehen müssen; eine einfache Sichtprüfung habe in diesem Fall nicht gereicht.

Der Waldbesitzer habe wissen müssen, dass eine Zwieselbildung grundsätzlich als eine Verschlechterung der Statik des Baumes anzusehen sei.

Zwar gebe ein Zwiesel für sich allein noch keine Veranlassung zur Hinzuziehung eines Sachverständigen. Eine fachmännische Untersuchung sei jedoch erforderlich, wenn – wie hier – weitere verdächtige Umstände hinzuträten, die auf eine besondere Gefährdung hinwiesen. Solche Umstände könnten sein trockenes Laub, dürre Äste, äußere Verletzungen oder Beschädigungen, hohes Alter, Erhaltungszustand, Eigenart oder Stellung, statischer Aufbau und ähnliches.

Im vorliegenden Fall sei der Wald zu 50 bis 60 % durch Bombensplitter geschädigt, wodurch die Pilzgefahr erhöht werde. Ferner werde durch am Straßenrand parkende Pkws der Boden verdichtet, was zum pilzfördernden Wurzelabsterben führe.

Der Beweis des ersten Anscheins spreche dafür, dass der Stämmling umgestürzt sei, weil der Waldbesitzer keinen Sachverständigen hinzugezogen habe, der den Befall des Baumes mit dem Brandkrustenpilz erkannt hätte. Trotz der Existenz gefahrerhöhender Umstände habe der Waldbesitzer keinen Sachverständigen hinzugezogen. Es habe der Beweislast des Waldbesitzers oblegen, den Beweis des ersten Anscheins der Ursächlichkeit der Verletzung der Verkehrssicherungspflicht durch einen Gegenbeweis dahingehend zu erschüttern, dass auch bei Beauftragung eines Sachverständigen der Brandkrustenpilz nicht gesehen worden wäre; einen solchen Beweis habe der Waldbesitzer aber nicht erbracht.

Anmerkung: Der Fall zeigt, dass die Waldbesitzer gewisse Grundkenntnisse von baumbiologischen und baummechanischen Defektsymptomen haben müssen, damit sie Verdachtsanzeichen als solche auch erkennen können. Hat ein Privatwaldbesitzer Verdachtsanzeichen erkannt, wird er, wenn er den Verdacht nicht selbst beurteilen kann, den Baum vorsorglich fällen und nicht einen Sachverständigen hinziehen. Bei Staatswald- oder Kommualwaldbesitzern kann dies unter Umständen anders sein, d. h., sie werden einen Sachverständigen zu Rate ziehen, wenn die Verdachtsbäume, aus welchen Gründen auch immer, erhalten bleiben sollen.